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dvd

Widerstand ist zwecklos

Das Auge des Bösen

filmArt Giallo Edition Nr. 1: alle Filme

Das Auge des Bösen

Fernando Merighis Giallo „Das Auge des Bösen“, in dem unter anderem Anita Ekberg, Barbara Bouchet, Howard Vernon und Rolf Eden auftauchen, ist in Deutschland erstmalig ungeschnitten auf DVD erschienen. Die Rekonstruktion der Originalversion machte es dabei notwendig, auf unterschiedliche Quellen zurückzugreifen. Die Sprachwechsel der englischen Fassung, die für einzelne Szenen ins Italienische oder ganz kurz auch mal ins Deutsche fällt, legen ein Zeugnis vom lobenswerten Unterfangen ab.
Schauplatz des Geschehens ist ausnahmsweise jedoch nicht Italien, sondern Paris. In Madame Colettes (Anita Ekberg) Bordell wird die Prostituierte Francine (Barbara Bouchet) ermordet aufgefunden. Da der Kirchenschatzräuber Antoine Gottvalles (Peter Martell) zuvor pöbelnd aufgefallen ist und er der letzte Mensch war, der bei Francine gesichtet wurde, scheint der Fall aufgeklärt. Auch der Richter hat keinen Zweifel an der Schuld des Angeklagten, dem jedoch nach Ausstoß eines tödlichen Fluchs die Flucht gelingt. Dabei zerlegt sich Antoine ungeschickterweise selbst und landet auf dem Friedhof. Doch damit ist das Morden nicht zu Ende. Im Umfeld des Bordells tauchen weitere grausam zugerichtete Leichen auf. Inspector Fontaine (Robert Sacchi) will den wahren Schuldigen finden, denn an übersinnliche Phänomene glaubt er nicht.

Wer beim Stichwort Giallo an ausgefeilte Bildarragements mit eleganter Ausleuchtung sowie geschmeidigen Kamerabewegungen denkt, ist bei „Das Auge des Bösen“ auf dem Holzweg. Merighi präsentiert in seiner Version des Mordserienthemas weitgehend schmuddelige Bilder mit extrem heller Ausleuchtung, die keine nuancierte Bildsprache zulässt. Das Ambiente des Bordells, das sich in einem alten Bürgerhaus befindet, strahlt den Chic vergangener Zeiten aus, wirkt aber etwas heruntergekommen. Darin fügt sich Anita Ekberg, die für Federico Fellinis „Das süße Leben“ („La dolce Vita“, Italien 1960) einst in Roms Trevi-Brunnen plantschte, als Das Auge des Bösen Puffmutter jenseits ihrer besten Zeiten perfekt ein. Der Lack bröckelt ab. Die vergängliche Schönheit von Mensch und Materie kommt zum Vorschein. Visuell ist „das Auge des Bösen“ die Kehrseite der Edelgiallos eines Dario Argento, der die Schönheit seiner Bilder zu künstlerischen Höhepunkten führte. Merighi zeigt, was unter der Oberfläche liegt. Angesichts brutaler Morde, frauenfeindlicher Machos oder eines herrschsüchtigen Vaters ist das eher abstoßend.
Natürlich muss man davon ausgehen, dass dieser Effekt nicht geplant, sondern ein Abfallprodukt der günstigen Produktionsweise war. Denn das Drehbuch strotzt vor Szenen, die nichts voranbringen. Inspector Fontaine verhört am laufenden Meter Verdächtige, die nur ihre Unschuld beteuern, sonst aber keine Hinweise geben. Als Ermittler tritt er so konsequent auf der Stelle herum, dass eine Auflösung immer unwahrscheinlicher wird. Was in grenzenlose Langeweile münden könnte, entwickelt jedoch eine wundersame Unterhaltungskraft.
Dafür ist hauptsächlich Fontaine-Darsteller Robert Sacchi verantwortlich, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit Humphrey Bogart besitzt. Konsequent stapft er im beigem Trenchcoat durch die verworrene Handlung, um mit verkniffenem Blick scheinbar wichtige Sätze zu nuscheln. Seine stoische Ruhe strahlt angesichts mangelnder Erkenntnisse eine unverständliche Sicherheit aus, gegen die jeder Widerstand zwecklos ist. Spekulative Bilder wie das stümperhafte Sezieren eines Auges ohne nachvollziehbaren Grund verweisen zwar immer wieder auf den Wahnsinn, der die Figuren des Films umgibt, aber Fontaine bringt das nicht aus dem Konzept. Aus dem Gegensatz zwischen seiner Position als Fels in der Brandung und dem unkontrolliert umherwabernden Rest entwickelt sich eine seltsame Spannung.
Die wird durch den Schnitt weiter angeheizt, für den Bruno Mattei verantwortlich war. Der Mann, der später als talentloser Regisseur in Erscheinung treten sollte, unterstützt mit holprigem Rhythmus die logische Sprunghaftigkeit der Ereignisse. Das passt perfekt zum Gegensatz zwischen Fontaine und den sonstigen Filmteilen. Der Inspector lässt einen Glauben, dass alles seinen seriösen Gang geht, obwohl alles danach schreit, dass es nicht so ist. Damit stellt er die entscheidende Frage nach der Deutungshoheit über die Realität. Wer kann schon mit Sicherheit sagen, was war ist und was nicht?
Bleibt noch zu erwähnen, dass die deutsche Synchronisation übrigens ein echter Klopper ist.

Bildqualität

Das Auge des Bösen

Das Bild der DVD entspricht dem Produktionsstatus des Films. Die Schärfe schwankt zwischen sehr weichen Aufnahmen und angenehm ordentlichen Szenen, mit relativ klaren Konturen. Der Kontrast lässt helle Szenen immer wieder überstrahlen, allerdings wirkt der gesamte Film von Seiten des damaligen Kameramanns so grell ausgeleuchtet, dass unklar ist, was sich hier bei der DVD-Produktion noch hätte rausholen lassen können. Die Farben sind leicht ausgebleicht. Das analoge Rauschen ist zwar präsent, aber in der Regel nicht störend. Insgesamt kann man mit der DVD zufrieden sein, handelt es sich doch um einen seltenen Film, dessen Materiallage nicht ganz einfach gewesen ist.

Tonqualität

Die Mono-Tonspuren verfügen über verständliche Dialoge mit leichten Verzerrungen. Bei der deutschen Version ist das Hintergrundrauschen etwas stärker als beim englischen Pendant, aber auch noch dezent. Dafür klingt die englische Fassung etwas dumpfer. Teilweise schwankt die Stärke des Hintergrundrauschens etwas.

Extras

Die deutsche Langfassung ist übrigens nicht etwa länger als der Hauptfilm, sondern nur vollständiger als manch andere deutsche Version.
Bei den alternativen Szenen handelt es sich um die Verkündung des Urteils gegen Antoine, die hier negativ verfremdet wurde, sowie einige Mordszenen, die einfarbig gefärbt wurden, wie man es von manchem alten Stummfilm kennt.
Die alternative Augenszene stammt aus einer ramponierten Quelle mit starker Verregnung. Sie verzichtet auf die stümperhafte Sezierung.
Der italienische Vor- sowie Abspann, mehrere Trailer zu „Das Auge des Bösen“ und eine Bildergalerie sind auf der DVD ebenfalls enthalten.
Im 8-seitigen Booklet ordnet Heiko Hartmann den Film kurz in den Genrekontext ein, geht auf die faszinierende Besetzung ein und widmet sich der Absurdität des Film.

Fazit

„Das Auge des Bösen“ überrascht nicht mit einer abstrusen Geschichte, denn das gehört beim Giallo zum guten Ton und wird meist mithilfe einer überwältigenden Inszenierung in den Hintergrund gedrückt. Die fehlt hier aber, stattdessen bildet der stoisch gelassene Inspector Fontaine das entscheidende Gegengewicht zum Irrsinn. Seine Zuversicht wirft schließlich die Frage auf, wie sich Normalität und Irrsinn wirklich unterscheiden lassen und wer das Recht haben könnte, das abschließend zu bewerten. Technisch ist die DVD angesichts des Filmalters in Ordnung.

Stefan Dabrock

12.06.2013

   
Originaltitel Casa d'appuntamento (Italien 1972)
Länge 86 Minuten (Pal)
Studio filmArt
Regie Fernando Merighi
Darsteller Anita Ekberg, Rosalba Neri, Evelyne Kraft, Howard Vernon, Peter Martell, Barbara Bouchet, Robert Sacchi, Eva Astor, Rolf Eden, u.a.
Format 1:1,66 (16:9)
Ton Mono Deutsch, Englisch
Untertitel Deutsch
Extras 16-seitiges Booklet
Preis ca. 23 EUR
Bewertung gut, technisch angesichts des Filmalters in Ordnung